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Reformprojekt
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Angebotslandkarte
im Dekanat Wiesbaden |
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Kurzbeschreibung |
Erfassung
und Vernetzung kirchlicher Angebote durch eine Datenbank im Dekanat
Wiesbaden |
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Wo? |
Dekanat
Wiesbaden, EKHN |
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Wann? |
ab Januar 2003 |
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Wer
handelt |
Ev.
Dekanat Wiesbaden |
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Mit
Wem? |
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Was
wird |
dekanatsweite
Erfassung und Vernetzung kirchlicher Angebote durch eine Datenbank |
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| Warum |
Adressant:
Redundante Arbeit in Gemeinden und Dekanat; Überforderung der
Ortsgemeinde; Rückgang der Kirchenfinanzen; ‚Rechtfertigung’ der
Strukturreform neue
Arbeitsweisen nötig; „Doppelangebote“ vermeiden |
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Für
Wen angestrebt? |
Adressat:
Angebotsplaner und Angebotsnutzer |
Ziele:
außerdem „unter dem Tisch“:
theologische Ziele:
Reformepisode:
Der
Fragebogen und die Einbeziehung der Milieuperspektive
1.
Zum gesellschaftlichen Hintergrund: Kirche konkurriert auf dem Markt der
Erlebnisanbieter. Beteiligung an Veranstaltungen der Kirche wird zunehmend auch
danach ausgewählt, welche Erlebniserwartungen die Interessierten bei dem
jeweiligen Angebot erfüllt sehen. Um sich vor Enttäuschungen zu schützen,
wird die Erlebnisvielfalt zu Typen schematisiert. Milieus der Gesellschaft
unterscheiden sich in ihren typischen Erlebnisvorlieben. Um zu wissen, ob ein
Angebot für einen Menschen passt, sind nicht allein Thema und grobe
Altersgruppe relevant, sondern zunehmend auch, ob der Erlebnistyp zu den
Interessenten passt, also die Information über die Milieuatmosphäre. Eine
Angebotslandkarte sollte darum die Milieuatmosphäre mit zu erfassen suchen.
2.
Zum kirchenpolitischen Hintergrund: Die Milieutheorie legt nahe, die Debatte um
entweder Parochie oder funktionale Dienste zu entschärfen. Denn es zeigt sich,
dass für bestimmte Milieus das ortsnahe Angebot der Parochie, für andere das
spezialisiertere Angebot in der Region auf ihre Lebensweise besonders gut passt.
Gerade für die spezialisierten Angebote, ganz gleich ob sie von einer
Ortsgemeinde oder einem funktionalen Dienst durchgeführt werden, ist
dekanatsweite Kenntnis nötig.
3.
Die Grenzen der Milieuwirksamkeit: Nach Selbsteinschätzung der Milieutheorie
wirken die Milieumechanismen in Wohlstandsituationen der Erlebniswahl. In
bestimmten Konstellationen treten Milieudifferenzen jedoch in den Hintergrund:
bei engerer sozialer Kohärenz eines bestimmten Anlasses (z.B. Kasualien) oder
bei sozialer Notlage. Bei der Verwendung von Milieutheorie für die kirchliche
Praxis sind Menschen in dieser Situation auf jeden Fall mit zu bedenken.
A)
Die Erstellung des Fragebogens und die Milieuperspektive
Der
Katalog der Fragen wurde zusammen mit den Beteiligten abgestimmt und in mehreren
Arbeitsgängen diskutiert. Gefragt wurden die Gemeinden/ Einrichtungen nach Gebäuden,
diversen technische Gegenständen, nach bestehenden Kooperationen, bei den
Angeboten nach Zeit und Ort des Stattfindens, auch nach der Finanzierung, nach
den Mitarbeitenden/ Leitenden des Angebots und nach
den Teilnehmenden. Die Forschungsinteressen an einer möglichst
detaillierten Erfassung von Milieus waren auf die Praktikabilität der
Datenaufnahme und die spätere Nutzung der Informationen zu beschränken. Darum
wurden Fragen nach Bildungsvoraussetzungen, die ansonsten ein klassischer
Unterscheidungswert zwischen denjenigen Milieus, die komplexere, und denen, die
einfache Erlebnisse suchen, wieder aus dem Fragebogen genommen (bei den
Mitarbeitern blieben sie aber bestehen). Drei Fragen wurden für jedes Angebot
platziert: Eine nach dem Marker Musikgeschmack der erwarteten Angebotsnutzer.
Inzwischen werden die Radioprogramme bewusst nach Milieugesichtspunkten
ausdifferenziert, sodass über die Radioprogramm-Vorlieben eine grobe Zuordnung
zu Milieus möglich ist. Sodann eine Frage nach den Zielen der
Angebotsbereitsteller; hier wollte das jeweilige Angebot zwischen
komplexen Erlebnissen und einfachen sowie geordneten und spontanen
Erlebnissen verortete werden. Schließlich ist auch das Beteiligungsverhalten
recht milieutypisch, darum wurden fiktive Aussprüche von Beteiligten vorgelegt,
unter denen das für das jeweilige Angebot typischste auszuwählen war.
b)
Aus der ersten Auswertung der Daten unter der Milieuperspektive
Die
erste grobe Auswertung der Daten (dazu musste auch eine Kategorisierung der tatsächlichen
Angebote erarbeitet werden) vor Aufbau einer befragungsfähigen Datenbank zeigte
neben einer Reihe von anderen Ergebnissen (Altersverteilung,
Geschlechtverteilung, räumliche Verteilung, Themen der Angebote) schon einige
Trends in Sachen Milieuorientierung an:
1.
Bei über 50% der Angebote konnten von den Anbietern Angaben gemacht werden, die
darauf schließen lassen, dass die Milieuatmosphäre für die Angebote Bedeutung
hat. Milieu ist auch nach der theoretisch entwickelten Annahme nicht der einzige
Zugang zu Angeboten. Ihre Verortung im Raum und die lebenslagenbezogene
Interessen für bestimmte Thematiken spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
2.
Bei den Angeboten mit Milieuatmosphäre dominieren in den Angeboten für
Erwachsene die Angebote für die gebildeten Milieus. Die Zahl der Angebote mit
Atmosphäre mittlerer Bildung macht nur ein Drittel derer mit hoher Bildung aus;
und die Zahl der Angebote mit Atmosphären geringer Bildung macht wiederum nur
die Hälfte derer mit mittlerer Bildung aus. Bei allen Ungenauigkeiten
subjektiver Einschätzung der Befragten – der Trend ist deutlich: Angebote für
Menschen im Erwachsenenalter werden in der Kirche – fast nur – als
Bildungsangebote gesehen. Bei den Angeboten für die Jugendlichen und für die
über 60-Jährigen ist dieser Trend deutlich abgeschwächt. Hier will man
offensichtlich auch die weniger Gebildeten mit versorgen.
Das
Ergebnis stellt vor die Frage: Will das Dekanat bewusst – mit theologischen Gründen
- diese Bildungsorientierung? Entscheidet es sich dafür, dass der christliche
Glaube – abgesehen von den gottesdienstlichen Ritualen und der individuellen
Begleitung und des diakonischen Handelns –
sich in Wiesbaden so gut wie nicht in Offerten äußert, die wenig
Bildungsvoraussetzungen machen und geringe Bildungserwartungen stellen?
Die
Sammlung der Daten wurde ergänzt mit Textbausteinen für diejenigen, die
kirchliche Angebote planen (siehe einen Auszug daraus in Anhang 1). Die Texte
sollen als Diskussions- und Entscheidungshilfe dazu dienen, bei der Planung
kirchlicher Arbeit sich das Profil von Milieus, aber auch die
Charakteristika der Alterszielgruppen und die Bedeutung des Raumverhaltens von
Menschen bewusst zu machen, gerade auch die Querverbindung zwischen allen drei
Zugangsweisen zu Angeboten. Eine Konzeption der drei Zugänge Milieu, Lebenslage
und Raumbezug gab es in der bisherigen praktisch-theologischen Literatur nicht;
sie wurde erst im Verlauf des Projektes entwickelt.
c)
Die erreichten Veränderungen und die bleibenden Aufgaben
Das
Projekt hat erreicht: Es liegt ein Datensatz vor, der für den Sommer 2003 die
Angebote in Wiesbaden erfasst. Das schafft für die Planung und Kooperation auf
der Ebene der Gemeinden, der innerstädtischen Regionen wie des Gesamtdekanats
und zwischen den funktionalen Diensten und den lokalen Gemeinden eine neue Basis
für Kenntnisse voneinander. Es erleichtert somit die innerkirchliche
Entscheidungsfindung auf allen Ebenen, und das ohne eine bestimmte
Entscheidungsrichtung schon vorzugeben. Damit stärkt es die Möglichkeiten zur
Zusammenarbeit, ohne sie schon zu erzwingen. Erstmals wird ein vertiefter Überblick
gegeben, der für alle Mitarbeitenden gleichermaßen zugänglich ist.
Unterschiedliche Regionen des Dekanats und die einzelnen Gemeinden treten in
ihrem Profil hervor.
Ein
Teil der Datenbank wird darüber hinaus der allgemeinen Öffentlichkeit durch
das Internet zur Verfügung gestellt. Es können jetzt Interessierte sich
ebenfalls leicht einen Überblick verschaffen oder gezielt über Suchfunktionen
nach bestimmten Angeboten suchen.
Die
bleibende Aufgabe ist, die Nachhaltigkeit des Erreichten zu sichern. Hier
besteht auch bei diesem Reformbeispiel zurzeit nicht genügend Klarheit. Es ist
verständlich, dass bei dem Werben für eine Reform man sich nicht Gegner
schaffen möchte, weil deutlich wird, dass auch bleibende Kosten damit verbunden
sind, zumal sie in ihrem Umfang bei Projektbeginn nicht so einfach abschätzbar
sind. Man hofft, dass das Gelingen des Projekts Entscheidungsgremien zu einem späteren
Zeitpunkt geneigter macht. Aber die Erfahrung aus anderen Projekten zeigt, dass
dann nach Wegfalls der speziellen Projektfördermittel für die kontinuierliche
Fortführung des Projekts zu wenig Ressourcen bereitgestellt werden oder zu
diffuse Aufträge erteilt und nicht weiter kontrolliert werden. Das aber führt
dazu, dass Projekte, die erfolgreich begannen, langfristig doch scheitern und
dann vor Ort nur einen Reformschaden bewirken. Auch das Wiesbaden- Projekt ist
in dieser Hinsicht noch nicht über den Berg.
(Ausschnitt
aus: Eberhard Hauschildt: Eine Angebotslandkarte für das Evangelische
Wiesbaden, Milieutheorie und die Projekt-Kooperation mit der
politisch-theologischen Wissenschaft; in: Wolfgang Nethöfel/ Klaus-Dieter
Grunwald (Hrsg.): Kirchenreform jetzt! Projekte – Analysen – Perspektiven;
Schenefeld 2005; S.223-244.)